Leitmotive
Aus: "Mensch unter Menschen werden", zur sozialen Dreigliederung.
Verlag Freies Geistesleben, 2009.
Unmittelbar unter dem Eindruck seiner Reise zum "Herzen Mitteleuropas"
- nach Prag und vor allem zur Burg
Karlstein - macht Karl König auf die Notwendigkeiten der sozialen
Erneuerung aufmerksam. Das soziale Bauwerk
muss heute im Inneren des Menschen aktiv entwickelt werden. Nur
"aus dem Geiste heraus" kann eine dem
heutigen Menschen gemäße soziale Gestaltung entstehen.
Doch kann König plastisch-bildhaft und in
eindringlicher Weise aufzeigen, wie die Ansätze dazu im Menschen
selbst veranlagt sind und im gewöhnlichen
Alltagsleben durch konsequentes Üben wirksam werden können:
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"Das ist es, um was es geht; dass wir mehr und mehr
begreifen, dass der Friede, der Menschenfriede
nur entstehen kann, wenn Einsicht gewonnen wird in die neue
Spiritualität, die die Sozietät der
Menschen erfüllt."
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Am 7.Mai 1964 wurde die Camphill Schulgemeinschaft Föhrenbühl
feierlich von Karl König eröffnet. Hier ein kurzer Ausschnitt
aus seiner Ansprache:
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"Nur wenn wir uns wieder in Gemeinschaften zusammenfinden,
die nicht durch die Bande des Blutes, sondern durch die des
Geistes entstehen, wo wir füreinander arbeiten und zusammen
streben, wo Erwachsene und Kinder, wichtige und weniger wichtige
Menschen, fähige und nicht fähige in gegenseitiger
Anerkennung der Würde des Einzelnen zusammenkommen und
eine neue Form der Gemeinschaft bilden, nur dann wird etwas
zustande kommen, wodurch Kindern und jungen Menschen die Möglichkeit
gegeben wird, dass sie ihr wahres Wesen, ihre spirituelle
Existenz zum Ausdruck bringen und ihren Beitrag geben können."
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Im Jahre 1961 konnte Karl König zum ersten Mal Ansbach besuchen
und die letzte Lebensstätte Kaspar Hausers erleben. Tief beeindruckt,
schrieb er einen Aufsatz für das "Cresset", die damalige
Zeitschrift der Camphill Bewegung. Aus den Schlussbemerkungen:
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"Noch immer berührt die Geschichte von Kaspar
Hauser die Herzen der Menschen. Jahr für Jahr werden
Bücher und Streitschriften geschrieben über dieses
unglückliche Kind, diesen seltsamen jungen Mann, diesen
verstoßenen Prinzen. Und jedes Mal bewegt die Botschaft
dieses Schicksals aufs Neue das menschliche gewissen. Ist
es nicht seltssam, dass eine so einfache Geschichte nicht
vergessen wird, dass eine geheimnisvolle Kraft sie am Leben
hält? Gibt es in der Geschichte nicht viele verstoßene
Prinzen und ermordete Herrscher? Warum steht gerade dieses
Kind vor uns wie ein Mahnmal, das unser besseres Ich wachruftund
uns auffordert, es nicht zu vergessen? Kaspar Hauser durchschritt
seine Zeit, als wäre er ein Symbol für die Zukunft
Europas. Schon seine Zeitgenossen nannten ihn daher "das
Kind Europas". Als er 1828 erschien, war Europa nach
außen hin friedlich, innerlich jedoch zerrissen und
gepeinigt. Noch waren die Auswirkungen der Napoleonischen
Kriege zu spüren. Nationalismus breitete sich aus, die
Ideen des Liberalismus führten tausende zur Auflehnung
gegen die herrschenden Klassen. In Russland, Frankreich, Österreich
und Italien bildeten sich revolutionäre Gruppen, und
die Regierungen versuchten vergeblich, den neuen Geist zu
unterdrücken.
Zur gleichen Zeit erlebten Kunst und Literatur, Musik und
Philosophie nach jahrzehntelanger Blüte einen Niedergang
[
.]Eine neue Generation trat an: Darwin wurde geboren,
Fechner, Lister, Pasteur, Claude Bernard, Helmholtz und Virchow.
Mit Ihnen begann ein neues Zeitalter. [
.]
Wie ein menschlicher Archetypus erschien Kaspar Hauser zu
einer Zeit, als die Kräfte der Dunkelheit unter dem Schutzmantel
des materialistischen und agnostischen Wissenschaften im Begriff
waren, die Welt zu erobern [
.]
Nicht das Christentum, sondern der Agnostizismus eroberte
die Welt. Kaspar Hauser, der bestimmt war, in der Christianisierung
Europas eine wesentliche Rolle zu spielen und der die menschliche
Gesellschaft mit christlichen Ideen erfüllen sollte,
wurde beseitigt. Seine Individualität wurde gefesselt
und gemartet und so in ihrer Entfaltung behindert. Als er
schließlich etwas von seinem Ich wiedergefunden hatte,
wurde er ermordet. Der 14. Dezember 1833 war einer deschwärzesten
Tage in der modernen Geschichte.
Sein Wesen erzeugt Barmherzigkeit, sein Geschick Liebe und
Mitleid. Wir sind tief bewegt, wenn wir die Geschichte seines
Lebens und Sterbens lesen. Aber seine Taten sind nicht heldenhaft,
sie sind vielmehr das Leben völliger Ergebenheit und
Demut: Seine Niederlage, nicht sein Sieg ist unsterblich.
Er trägt das Schicksal des Opfers, das er in Unschuld
darbrachte. Wir erfahren das Wunder und die Würde unserer
eigenen Kinheit, wenn wir von seinem Leben und Sterben lesen,
und wir erinnern uns daran, dass wir nicht nur sterbliche
Materie sind, sondern unsterblicher Teil der Schöpfung.
Wenn wir das Schicksal Kaspar Hausers recht betrachten, so
wissen wir, dass behinderte Kinder unser Herz in ähnlicher
Weise anrühren. Auch sie erinnern uns an unser besseres
Ich. Ihr Schutzpatron ist Kaspar Hauser, das "Kind Europas",
der Bewahrer des "Ebenbild Gottes."
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Vom Sinn und Wert heilpädagogischer Arbeit
Zu Weihnachten 1965 - also nur einige Monate vor seinem Tod - schrieb
Karl König einen Aufsatz mit dieser
Überschrift. Dort schilderte er die Entstehungsgeschichte der
Heilpädagogik auf dem Hintergrund des
wachsenden Materialismus und der Kriegswirren. Nachdem er diese
Brücke vom 18. Jahrhundert bis zu Hans
Asperger und den Nachkriegsjahren gebaut hatte, schilderte etwas,
das mit den Intentionen seines
Lebenswerkes in dessen Weite und Tiefe zu tun hat:
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"Eine Wohlstandsgesellschaft,die ihr eigentliches
Menschsein zu vergessen beginnt - eine Menschheit,
die sich in ihre Rassenprobleme verbeisst und gleichzeitig
Vernichtungsmittel ersonnen hat, denen
Millionen in wenigen Minuten zum Opfer fallen können
- eine soziale Ordnung, die die göttliche Ordnung
vergass und eine neue Ethik sucht, die sie, gottlos geworden,
nicht mehr finden kann - zeugt in ihrer
Mitte einen neuen Aufgabenkreis: den Hinfälligen,
Behinderten, scheu Gewordenen, Lahmen und Siechen
so zu helfen, dass sie wieder ihr Menschentum erringen können.
Ist es nicht ein großes Wunder, das sich
uns hier offenbaren will? Eine sich selbst vernichtende Menschheit
erschafft in ihrer Mitte ein Neues, das
im absterbenden Teil ihres Daseins einen werdenden Keim zum
Wachsen bringt. Eine umfassende
Heilpädagogik gleicht dem sich entfaltenden Samen in
einer faulenden Frucht.
Wir müßen nur die Idee der Heilpädagogik weit
genug fassen, um ihrer wahren Bestimmung ansichtig zu
werden.......Sie will zu einer weltweiten Tätigkeit werden,
um der überall entstandenen "Bedrohung der
Person" hilfreich entgegenzutreten. Die "Heilpädagogische
Haltung"muß in jeder sozialen Arbeit, in der
Seelsorge, in der Betreuung der Alten,in der Rehabilitation
der Geisteskranken wie auch der Körper-
behinderten, in der Führung der Waisen und Flüchtlinge,
der Selbstmordkandidaten und Verzweifelten,
aber auch in der Entwicklungshilfe, im internationalen Friedenskorps
und ähnlichen Bestrebungen sich
zum Ausdruck bringen. Das ist die einzige Antwort, die wir
heute - insofern wir noch Menschen sein
wollen - einer am Abgrund tanzenden Menschheit entgegenstellen
können....
Nur die Hilfe von Mensch zu Mensch - die Begegnung von Ich
mit Ich - das Gewahrwerden der anderen
Individualität, ohne des Nächsten Bekenntnis, Weltanschauung
und politische Bildung zu erfragen -
sonderneinfach das Aug' in Auge-Blicken zweier Persönlichkeiten,
schafft jene Heilpädagogik, die der
Bedrohung des innersten Menschseins heilend entgegentritt.
Allerdings wird das nur dann wirksam sein können, wenn
eine grundlegende Herzenserkenntnis dabei
berücksichtigt wird".
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(aus "Camphill Brief", Föhrenbühl und St.Prex,
1965)
Aus: Die drei Grundlagen der Heilerziehung. (Aufsatz
Karl Königs für "Weleda-Nachrichten" 1948)
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Am Ende des vorigen Jahrhunderts begann der Zerfall der
menschlichen Gesellschaft. Die Ordnungen, die bis dahin die
Haltung des einzelnen Menschen bestimmt hatten,begannen zu
zerbrechen..Die Familie,die Dorfgemeinschaft,die Zünfte,der
Staat selbst,ob klein oder groß,verloren ihre realen
Kräfte und damit ihre Bedeutung .Zunächst merkten
das die Menschen nicht sehr und erst allmählich, je weiter
sich dieser Zerfall bis in die Gegenwart hinein ausbreitete,um
so ansichtiger wurde es Einigen...........
.............Heute ist jedes "zivilisierte" Land
gezwungen,Mütter ,Säuglings, Ehe und Familienberatungs-stellen
einzurichten, da man dadurch hofft,dem Zerfall der Familie
entgegenarbeiten zu können.
Trotz dieses sozialen und gesellschaftlichen Fiaskos werden
Kinder geboren, in manchen Ländern sogar mehr als "erwünscht".
Sie wachsen auf ungeführt und ungeschützt, kreuz
und quer,wie es das heutige Leben eben mit sich bringt. Warum
sollten auch unsere Kinder "normal" reagieren, wenn
sie in eine Gesellschaftsordnung hineinversetzt sind,die völlig
und gänzlich innerlich zerbrochen ist?
Warum sollten sie wünschen so zu leben, als wäre
nichts auf Erden geschehen und alles sowieso so gut als es
die Zeitungen und Schnürsenkelpolitiker beschreiben?
Diese Welt, in welcher ein Kind und Mensch zur Ware am Arbeitsmarkt
und zur Nummer im Einheits-Staat geworden ist? Eine Welt in
der von Geburt an alles zugerichtet ist, damit der sich entwickelnde
Mensch alle nur denkbaren Vorteile und Bedingungen vorfindet,
nur eines nicht: Ein Mensch sein zu können!
..........Wenn diesen Kindern geholfen werden soll,dann muss
die erste Grundlage der Heilerziehung geschaffen werden:diese
Kinder in ein soziales Milieu zurückzubringen .Das kann
nicht eine Anstalt sein oder eine Schule mit Schlafsälen
und Klassenzimmer, mit einem Eßsaal und all den sonst
geglaubten Notwendigkeiten einer sogenannten Anstalt, wo die
Lehrer kommen und gehen und die Schwestern und Hilfskräfte
und Ärzte ihren Arbeitsplatz haben, um dann wieder zu
verschwinden und das Kind sich selbst zu überlassen .Alle,
Erzieher, Lehrer , Helfer, Schwestern, Ärzte können
nur dann helfen, wenn sie mit den Kindern eine Familie leben
und das ganz und gar. Wenn sie mit den Kindern eine Familie
bilden und ihre eigene Familie Teil und Kernstück dieser
Familie ist....................... Deshalb haben wir hier
in Camphill die Kinder auf so viele als mögliche Häuser
verteilt, wo jedes Kind sich " zu Hause" befindet
...........Alle Erwachsenen aber, die mit den Kindern leben,
arbeiten und sie erziehen, müssen ein elterliches Gefühl
für diese Kinder entwickeln , diese Erwachsenen müssen
verstehen lernen, dass es heute notwendig ist,die neue Familie
zu erschaffen,die nicht nur auf das Blut und die Vererbung
gebaut ist, sondern auf den Helferwillen und die Liebe zu
diesen Kindern, die ja eigentlich "elternlos"geworden
sind. Denn obwohl diese Kinder Vater und Mutter haben, so
haben sie sich durch ihre Krankheiten und Abarten aus der
Familie herausgestellt und verlangen diese neue,aus dem Helferwillen
heraus zu formende Familie.
Um den Helfern und Lehrern, Schwestern und Pflegern die Kraft
zu dieser Aufgabe zu geben, ist es notwendig, eine Gemeinschaft
aller in solchen Zusammenhängen mitarbeitenden Menschen
zu bilden. Diese Gemeinschaft aber kann nur wieder eine Geist-Gemeinschaft
sein, die sich innerlich um ein Ziel bemüht, das jeder
als Einzelmensch, aber in Gemeinschaft mit seinen Brüdern
und Schwestern zu erreichen sucht. Die weltanschauliche und
religiöse Geschlossenheit einer solchen Gemeinschaft
ist die Grundlage für die neue Familie, welche das soziale
Rückrat für diese Kinder bildet.................
...............Eine Heilpädagogik zu treiben, ohne diese
erste soziale Einsicht real durchzuführen, wird immer
zu Halbheiten führen, sie wird einzelnen Kindern helfen
können, aber, vorbeiblicken am Grundproblem selbst. Dieses
Problem heißt: die sozialen Ordnungen sind zerbrochen
, das Resultat ist die erschreckende Zunahme der Kinder, die
einer Heilerziehung bedürfen, da der Rahmen, in welchem
bisher Kinder aufwachsen konnten,zerfallen ist. Neue Zusammenhänge
müssen geschaffen und gebildet werden,um diesen Kindern
wieder Boden unter den Füssen zu schaffen
.
Jetzt in "das Seelenpflege-bedürftige Kind . Vom
Wesen der Heilpädagogik",
Karl König Werkausgabe, Verlag Freies Geistesleben, Oktober
2008
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